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Zur Übersicht9. Mai 2022
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Architektin und Bauherrenvertreterin Melanie Michel

Weibliche Vorbilder braucht die Welt. Von ihnen kannst du lernen und dich inspirieren lassen. In unserer Rubrik „5 Fragen an …“ erzählen sie dir, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie heute stehen und welchen Tipp sie für junge Frauen haben. In der fünften Ausgabe haben wir mit Melanie Michel gesprochen, Architektin, Bauherrenvertreterin für Grossprojekte beim Flughafen Zürich und eine der ersten Frauen, die ihre leitende Arbeit in einem Job-Sharing-Modell durchführt.

Wie bist du dahin gekommen, wo du heute bist?

Ich bin ein sehr offener und aktiver Mensch und habe schon immer vieles ausprobiert. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich heute da stehe, wo ich bin. Aber gerade die Berufswahl fiel mir nicht leicht, mich haben einfach so viele Themen gereizt. Von meinem eigentlichen Wunsch, Architektur zu studieren, wurde mir von vielen Seiten abgeraten, was mich als junge Frau verunsichert hatte. Ich begann Betriebswirtschaft, Wirtschaftspädagogik und Germanistik, aber das Kreative hat gefehlt. Deshalb habe ich mich nach dem Grundstudium für einen Studiengangwechsel entschieden. Das war ein sehr schwerer Schritt, da ich mir selbst eingestehen musste, dass ich etwas Grundlegendes im Leben ändern muss.


Der Wechsel selbst war ein totaler Befreiungsschlag, endlich hatte ich das Gefühl ‚angekommen‘ zu sein. Mich reizten schon im Studium grosse, komplexe Aufgaben und ich entschied mich für ein Praxissemester in Hamburg. Durch diesen Ortswechsel eröffneten sich plötzlich ganz neue Möglichkeiten. Dabei habe ich schon während dem Studium viel gearbeitet, unter anderem für einen Architekturverlag in Hamburg. Nach Abschluss des Studiums ging ich nach London und arbeitete als ‚klassische Entwurfsarchitektin‘ für namhafte Büros. Das war eine sehr intensive, spannende und kreative Zeit. In das Bau-Projektmanagement wechselte ich vor 13 Jahren, mit dem Umzug von England nach Zürich. In diesem Berufsfeld fühle ich mich sehr wohl. Interessanterweise spiegeln die Tätigkeiten in der Bauherrenvertretung meine beiden Studiengänge wieder.

Mit welchen Herausforderungen warst du auf deinem Weg konfrontiert?

Die eigentliche Berufswahl war für mich eine Herausforderung, da hätte ich Support benötigt. Eine weitere Herausforderung war die Vereinbarung Kind und Job. Das grösste Thema dabei war sicherlich, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Zum einen wollte ich als Mutter so viel Zeit wie möglich mit meinem Kind verbringen und gleichzeitig die Aufgaben, an denen ich schon davor jahrelang tätig war, weiterhin wahrnehmen. Die Lösung war dann, den Arbeitgeber zu wechseln – von einem Consulting Büro auf die Seite des Flughafens. Mit meinen Vorgesetzten definierten wir die Tätigkeit im Jobsharing-Modell. In unserer Abteilung ‘Real Estate Projekte‘ war dies neu und es funktioniert bisher hervorragend. Ich bin überzeugt, dass dieses Modell in vielen Bereichen möglich ist.

Wie bist du mit diesen Herausforderungen umgegangen?

Was mir geholfen hat, gerade bei der Umorientierung des Studiums, war, dass ich gelernt habe, meine Gefühle ernst zu nehmen und auf die berühmte „innere Stimme“ zu hören. Beim Wiedereinstieg nach der Babypause war es ähnlich – ich habe eine Strategie ausgearbeitet mit meinem Partner und meinem Arbeitgeber. Dabei ist offene Kommunikation das Wichtigste. Man sollte sich überlegen, was man ehrlich bereit ist, zu geben. Es war ein Prozess und Arbeit, und es hat sich gelohnt. Nicht zuletzt, weil wir so unsere eigene Kultur leben und diese auch vermitteln können.

Worauf bist du stolz?

Das sollten wir uns häufiger fragen 🙂 Ich bin stolz auf meine Unabhängigkeit, die habe ich mir über die Zeit erkämpft. Heute kann ich frei Entscheidungen für mein Leben treffen und vertraue meinen Fähigkeiten. Auch bin ich stolz, dass ich beruflich ‚angekommen‘ bin. Ich arbeite heute an spannenden Projekten in einem respektvollen, positiven Arbeitsumfeld. Und ich bin so stolz auf meine Familie, wie wir drei als Team funktionieren, das ist ein Geschenk.

Was hättest du dir aus der heutigen Erfahrung bei deinem Berufseinstieg gewünscht?

Mir hätte es geholfen, wenn einem beim Berufseinstieg der Druck von Aussen genommen wird. Alle fragen dich: „Fertig mit dem Studium. Wo gehst du jetzt hin?“ Ich hätte einfach den Zuspruch gebraucht „Vertrau deinem Gefühl.“ Das Leben verändert sich ständig und dadurch ergeben sich auch immer wieder Chancen, Neues auszuprobieren. Das hört ja nicht mit dem Einstieg auf. Das würde ich gerne jungen Frauen mitgeben: Du kannst so sein, wie du bist, und das ist genau richtig.


Zu meiner Zeit waren die Universitäten zudem sehr auf die Wissensvermittlung fokussiert,  aber sie haben den Student:innen aus meiner Sicht nicht die Möglichkeiten dargelegt, die sich nach dem Studium ergeben. Für mich war der Austausch mit Ausbildenden und Professor:innen die grösste Hilfe. Aus diesem Grund bin ich begeistert von eurem Mentoring-Projekt, das ist der Support, den ich mir als junge Frau gewünscht hätte.

Dein Tipp für junge Frauen beim Berufseinstieg?

Es lohnt sich, mutig zu sein! Wenn du neue Wege gehst und deine Komfortzone verlässt, lernst du dich selbst besser kennen und dann ergeben sich Dinge, die du zuvor nicht erwartet hättest.

Vertraue in deine Gefühle und nehme die innere Stimme ernst.

Informiere dich gut, führe persönliche Gespräche und erarbeite aus diesem Wissen dann deine eigene, persönliche Strategie. Das hilft, um sich zu fokussieren. Wenn du dich dann mit Überzeugung und Leidenschaft entscheidest, dann spürt das dein Gegenüber – ob das beim Berufseinstieg oder im Job ist.


Melanie Michel, 47 Jahre alt, Dipl. Ingenieurin Architektur und tätig als Bauherrenvertreterin für Grossprojekte bei der Flughafen Zürich AG. Sie ist verheiratet und hat mit ihrem Partner einen Sohn.